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  • Warum ADHS keine Ausrede ist – sondern eine Erklärung

    ADHS ist kein Freifahrtschein.
    Und genau deshalb ist es so wichtig, es richtig zu verstehen.

    Denn was viele Eltern hören – offen oder zwischen den Zeilen – klingt oft so:
    „Dann streng dich halt mehr an.“
    „Andere schaffen das doch auch.“
    „Man kann sich doch zusammenreißen.“

    Das Problem:
    Diese Sätze setzen dort an, wo bei ADHS nicht einfach mehr Wille abrufbar ist.

    ADHS erklärt kein Verhalten schön – es erklärt es überhaupt erst

    Eine Ausrede soll Verantwortung vermeiden.
    Eine Erklärung schafft Orientierung.

    ADHS bedeutet:

    • ein Nervensystem, das Reize ungefilterter verarbeitet
    • Emotionen, die schneller, stärker und länger spürbar sind
    • ein Gehirn, das unter Stress schlechter auf das zugreifen kann,
      was es theoretisch weiß

    Das Ergebnis?
    Kinder (und Erwachsene) wissen oft sehr genau, wie sie sich verhalten sollten.
    Sie können es in dem Moment nur nicht umsetzen.

    Nicht aus Trotz.
    Nicht aus Faulheit.
    Nicht aus Manipulation.

    Sondern weil ihr Nervensystem gerade im Überlebensmodus ist.

    „Er weiß doch, wie es geht!“ – ja. Und trotzdem klappt es nicht.

    Das ist einer der schmerzhaftesten Punkte für Eltern.

    Dein Kind kann:

    • Regeln erklären
    • Entschuldigungen formulieren
    • im ruhigen Moment Einsicht zeigen

    Und im nächsten Moment:

    • explodiert es
    • schreit
    • schlägt um sich
    • oder zieht sich komplett zurück

    Das fühlt sich widersprüchlich an.
    Ist es aber nicht.

    👉 Wissen sitzt im Kopf.
    Handlungsfähigkeit entsteht im regulierten Nervensystem.

    Wenn Stress, Überforderung oder emotionale Überflutung dazwischenfunken,
    ist der Zugang zum „vernünftigen Teil“ schlicht blockiert.

    ADHS heißt nicht: „Dann geht eben nichts“

    Und jetzt der unbequeme Teil – ohne Beschönigung:

    ADHS erklärt Verhalten.
    Es entschuldigt nicht alles.
    Es entbindet nicht von Entwicklung, Lernen und Verantwortung.

    Aber:
    👉 Verantwortung beginnt dort, wo man die richtigen Voraussetzungen schafft.

    Von einem Kind zu verlangen, sich zu regulieren, während sein Nervensystem auf Daueranschlag läuft, ist ungefähr so sinnvoll wie Schwimmen beibringen im Sturm.

    Warum klassische Erziehungstipps hier so oft scheitern

    Belohnungssysteme.
    Konsequenzen.
    „Klare Ansagen“.

    All das kann funktionieren – wenn das Kind innerlich erreichbar ist.

    Bei ADHS ist genau das oft das Problem:

    • zu viel Druck → mehr Stress
    • mehr Stress → weniger Steuerung
    • weniger Steuerung → Eskalation

    Der Kreislauf verstärkt sich.
    Und Eltern landen irgendwann bei:
    „Wir machen doch schon alles!“

    Ja.
    Aber nicht alles wirkt gleich – auf jedes Nervensystem.

    Der Wendepunkt: „Es liegt nicht an mir. Und nicht an meinem Kind.“

    Dieser Satz verändert alles.

    Nicht, weil er Verantwortung wegschiebt.
    Sondern weil er sie neu verteilt:

    • Weg von Schuld
    • Hin zu Verständnis
    • Weg von Kampf
    • Hin zu Begleitung

    ADHS braucht keine härtere Erziehung.
    Es braucht passende Bedingungen.

    Und Eltern brauchen:

    • Wissen, das entlastet
    • Strategien, die im Alltag funktionieren
    • und jemanden, der sagt: „Du bildest dir das nicht ein.“

    Und jetzt?

    Wenn du beim Lesen gemerkt hast:
    „Genau das ist unser Alltag.“
    dann bist du hier nicht zufällig gelandet.

    Ich begleite Eltern genau an diesem Punkt:
    zwischen Erschöpfung, Schuldgefühlen und dem Wunsch, es anders zu machen –
    ohne sich selbst oder das Kind zu verlieren.

    👉 Wenn du tiefer verstehen willst, wie ADHS, Emotionen und Beziehung zusammenhängen, ist mein Onlinekurs „ADHS liebevoll begleiten“ ein möglicher nächster Schritt.
    Kein Patentrezept. Aber ein stabiler Rahmen.

    Und falls du erst einmal weiterlesen willst:
    Dieser Blog ist genau dafür da.

  • Mental load von Eltern als Auslöser für (psychische) Erkrankungen

    Wir alle tragen Verantwortung: für uns, für unser Tun, für unser Leben. Manche übernehmen im Job oder in der Freizeit weitere Verantwortung, etwa als Führungskraft oder im Ehrenamt. Doch auch Eltern tragen eine Menge zusätzliche Verantwortung.  

    Eltern sein bedeutet Verantwortung übernehmen

      Eltern sein bedeutet nicht nur, seinen Kindern ein Dach über dem Kopf zu bieten und etwas zu Essen auf den Tisch zu stellen. Eltern sein bedeutet auch, für die psychische und physische Unversehrtheit der Kinder zu sorgen.   Dazu gehört neben dem Ermöglichen und der Pflege von Freundschaften der regelmäßige Besuch von sozialen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen. Auch die Planung von Sporteinheiten und eine gesunde Stundenanzahl von Schlaf ist Aufgabe der Eltern. Die Elternschaft bedeutet vor allem viel Organisation und Planung.  

    Aufgaben nicht nur bei einem Elternteil belassen

      Im besten Fall teilen sich die Eltern die anfallenden Aufgaben auf. Der eine bringt die Kinder in die Betreuung, der andere holt ab. Der eine steht als Fahrdienst, der andere als Hausaufgabenbetreuung.   Die Aufteilung kann so individuell gestaltet werden, dass sie an das Leben jeder Familie angepasst werden kann.   Sobald sich jedoch ein Elternteil aus dieser Verantwortung zieht, herrscht ein Ungleichgewicht. Nicht nur im zeitlichen Aspekt, sondern auch und vor allem in der psychischen Hinsicht.  

    Gründe für fehlende Übernahme von Verantwortung spielen keine Rolle

      Dieses aus der Verantwortung ziehen kann unterschiedlich begründet sein. Es reicht von einer Trennung der Eltern mit gleichzeitiger Ablehnung der Kinder bis hin zum Tod eines Elternteils.   Obwohl es bei jedem Szenario noch weitere Dinge zu beachten gilt, etwa das Verarbeiten eines etwaigen Betrugs, das Akzeptieren einer neuen Partnerschaft an der Seite des anderen Elternteils oder den (plötzlichen) Tod des Partners, ist das Resultat immer das gleiche: All die mentale und physische Verantwortung bleibt bei einem Elternteil.  

    Bis zum Anschlag und noch ein Schritt weiter

      Dieser verbleibende Elternteil ist nicht selten irgendwann überfordert. Nicht, weil die körperliche Präsenz überhand nimmt; in diesem Bereich kann das Umfeld der kleinen Familie sehr hilfreich sein. Es können Fahrdienste übernommen werden, die Hausaufgabenbetreuung kann gemeinsam mit anderen Familien aufgeteilt werden und Familien unterstützen sich gegenseitig mit Babysitter-Diensten, um abends Zeit für sich zu haben.   Bei der mentalen Belastung hingegen kann auf niemanden zurückgegriffen werden.  

    Mentale Belastung

      Dieser mental load, wie es neudeutsch heißt, obliegt bei Ein-Eltern-Familien einem einzigen Menschen. Unabhängig von allen weiteren Umständen muss dieser das Leben für sich selbst und dazu noch das des Kindes oder der Kinder managen.   Das allein ist schon schwierig genug: Betreuungszeiten mit den Arbeitszeiten in Einklang bringen, Trainingszeiten koordinieren, Urlaube an die Schließzeiten anpassen machen da den leichteren Part aus. Überlegungen zu Impfungen und sonstigen ärztlichen Behandlungen, Entscheidungen zur Schul- und Berufsausbildung, Regeln für das Zusammenleben und vieles mehr jedoch ist nicht ganz so einfach zu stemmen. Es ist niemand da, der einen anderen Blickwinkel aufzeigt oder eine Entscheidung abnimmt.   Der Kopf dieser Menschen arbeitet rund um die Uhr. Viele kleine Dinge müssen überlegt, bedacht und entschieden werden. Das kann schnell zu einer Überlastung führen.  

    Druck von außen ist meist gut gemeint, aber kontraproduktiv

      Insbesondere dann, wenn das Umfeld diesen Druck noch erhöht. Nicht selten bekommen betreuende Elternteile zu hören, wie andere Eltern versuchen sich gegenseitig zu überbieten – mein Kind geht aufs Gymnasium, mein Kind lernt chinesisch als vierte Fremdsprache, mein Kind übt seinen Sport auf Bundesliga-Ebene aus und weitere Aussagen.   Ebenso häufig und kein weniger belastend ist die Information älterer Generationen, sogar aus der eigenen Ursprungsfamilie, dass sie selbst es noch viel schwerer gehabt hätten.   Zusätzlich zu all der Verantwortung, zu den Ängsten, Sorgen und Nöten kommen nun also noch Aussagen, dass man sich nicht beschweren solle und Forderungen, dass man sich um alles in Perfektion zu kümmern habe.  

    Mental load als Auslöser für psychische Erkrankungen

      Die Folge ist logisch: Vollständige Überforderung bis hin zum Burnout. Oder schlimmeres. Schon 2017 veröffentlich das RKI eine Studie, aus der hervorgeht, dass alleinerziehende ein erhöhtes Risiko zu diagnostizierten Depressionen und weiteren psychisch bedingten Erkrankungen haben.   Dennoch geht das gegenseitige Übertrumpfen munter weiter. Anstatt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten sich Eltern unterstützen. Großeltern sollten ihren Kindern nicht erzählen, dass sie es auch bei all den damaligen Bedingungen dennoch geschafft haben und diesen Erfolg nun von ihren Kindern fordern. Stattdessen sollten Großeltern, sofern sie denn in der Lage dazu sind, ihren Kindern mit deren Kindern unter die Arme greifen und die Situation akzeptieren, so wie sie ist. Gut gemeint ist in diesem Bereich oftmals nicht automatisch gut gemacht.  

    Eltern bleiben Eltern

      Auch nach einer Trennung ist es möglich, die mentale Belastung aufzuteilen, so dass beide Elternteile in der Umgangszeit des jeweils anderen wirklich abschalten und erholen können.   Allerdings ist es dazu zwingend erforderlich, dass sich beide Elternteile verantwortungsvoll um ihren Nachwuchs kümmern.