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  • Weibliche Neurodivergenz: Warum Mädchen so oft durchs Raster fallen – und wie die späte Diagnose das Leben verändert

    Neurodivergenz hat viele Gesichter. Manche davon sind laut, quirlig, offensichtlich. Andere sind leise, höflich, unsichtbar – zumindest auf den ersten Blick. Und genau da beginnt das Dilemma: Mädchen und Frauen mit ADHS oder Autismus werden deutlich seltener und oft viel später diagnostiziert als Jungen. Nicht, weil sie „weniger betroffen“ wären. Sondern weil sie seit ihrer Kindheit zu Meisterinnen des Tarnens, Anpassens und Funktionierens geworden sind.

    In diesem Artikel schauen wir hin: Warum werden Mädchen so häufig übersehen? Welche Mechanismen stecken hinter Masking und Anpassung? Und was passiert, wenn eine Diagnose erst spät kommt? Und vor allem: Wie lässt sich mit der Diagnose leben – vielleicht zum ersten Mal wirklich leben?

    Warum weibliche Neurodivergenz so oft nicht erkannt wird

    Stell dir ein Klassenzimmer vor. Irgendwo hinten wirbelt ein Junge durch die Gegend, plappert ununterbrochen und vergisst zum dritten Mal sein Matheheft. Zack – fällt auf. Zack – wird abgeklärt.

    Und das neurodivergente Mädchen daneben?
    Sitzt still. Schaut aufmerksam. Lächelt. Und ist innerlich vielleicht kurz vorm Kollaps, weil sie seit 20 Minuten versucht, dem Unterricht zu folgen und gleichzeitig nicht zu zeigen, dass sie komplett lost ist.

    Viele Mädchen wirken nach außen völlig unauffällig. Sie fallen nicht durch impulsive Ausbrüche auf. Sie stören nicht. Sie verhalten sich „altersgerecht“. Sie wirken sozial kompetent. Und genau das ist der Grund, warum ihre Schwierigkeiten niemand sieht.

    Die klassische Vorstellung von ADHS und Autismus ist immer noch männlich geprägt. Das hat historische Gründe – die Forschung orientierte sich jahrzehntelang fast ausschließlich an Jungen. Mädchen sind statistisch seltener hyperaktiv, dafür häufiger verträumt, introvertiert und sozial angepasst. Ihre Symptome spielen sich im Inneren ab: Gedankenspiralen, Überforderung, emotionale Intensität, Vergesslichkeit, Erschöpfung.

    Kurz gesagt: Mädchen brennen innerlich – während sie äußerlich funktionieren.

    Masking: Das Tarnnetz, das zur zweiten Haut wird

    Masking bedeutet, dass Betroffene ihr Verhalten bewusst oder unbewusst so anpassen, dass sie „normal“ wirken. Und Mädchen lernen dieses Muster erschreckend früh.

    Schon in der Grundschule werden sie dafür gelobt, wenn sie brav, höflich und rücksichtsvoll sind. Mädchen sollen ruhig sein, empathisch, sozial kompetent, „unproblematisch“. Und wenn ihnen das nicht von Natur aus leichtfällt, dann wird es eben gelernt. Strategisch. Hart erarbeitet.

    Masking kann viele Formen haben:

    • Sozialverhalten imitieren: Lachen, wenn die Gruppe lacht. Zuhören, obwohl der Input überfordernd ist. Smalltalk auswendig lernen.
    • Überkorrektheit: Bloß keinen Fehler machen. Bloß niemandem zeigen, dass man verwirrt ist.
    • Extrem-Anpassung: Interessen, Kleidung, Gesten – alles wird an die Umgebung angepasst.
    • Emotionsregulation nach außen verschieben: Zusammenreißen bis zum Schulschluss, dann Zusammenbruch im Kinderzimmer.

    Masking schützt kurzfristig – aber kostet langfristig Kraft, Identität und oft seelische Gesundheit.

    Anpassung: Wenn funktionieren wichtiger wird als fühlen

    Viele neurodivergente Mädchen werden zu wahren Chamäleons. Sie spüren sehr früh: Anders sein ist unsicher. Also passen sie sich an. Perfektionistisch. Detailverliebt. Overperforming – immer ein paar Prozent drüber, um keine Angriffsfläche zu bieten.

    Einige Strategien, die typisch sind:

    • Leistungsorientierung: Gute Noten, um nicht aufzufallen.
    • Übersozialisierung: Freundlich sein, selbst wenn man keine Energie mehr hat.
    • Konfliktvermeidung: Alles runterschlucken. Hauptsache Harmonie.
    • Innere Alarmbereitschaft: Situationen scannen, um Fehler zu vermeiden.

    Anpassung wird zum Lebensstil. Und gleichzeitig zum Gefängnis. Denn wer immer versucht, jemand anderes zu sein, verliert irgendwann das Gefühl für das eigene Selbst.

    Warum die Diagnose oft erst so spät kommt

    Die Gründe sind vielfältig – und frustrierend:

    1. Klischees in der Diagnostik

    Viele Diagnosekriterien basieren immer noch auf männlichen Mustern.

    2. Gute Schulnoten = keine Probleme

    Leistungen überdecken die inneren Kämpfe.

    3. Mädchen „dürfen“ still sein

    Ein stiller Junge fällt auf. Ein stilles Mädchen wird gelobt.

    4. Emotionen werden missinterpretiert

    Überforderung wird als Sensibilität bewertet.
    Wutausbrüche als PMS, Hormone, „Teenager-Drama“.

    5. Masking führt Diagnostiker in die Irre

    “Oh, sie wirkt so sozial kompetent!”
    Ja. Genau das ist das Problem.

    Viele Frauen berichten erst im Erwachsenenalter von ihrer Diagnose – ausgelöst durch Burnout, Mutterschaft oder das neurodivergente Kind, das plötzlich eine ADHS- oder Autismusdiagnose bekommt. Und dann heißt es: „Verdammt. Das bin ich doch auch.“

    Die Folgen einer fehlenden oder späten Diagnose

    Fehlende Diagnose bedeutet nicht: „Alles gut“.
    Es bedeutet: „Alles schwerer als nötig.“

    Typische Folgen:

    • Chronische Erschöpfung / Burnout
      Masking frisst Energie. Irgendwann ist der Akku leer.
    • Selbstzweifel und negatives Selbstbild
      „Mit mir stimmt etwas nicht.“
      „Andere schaffen das doch auch.“
    • Depressionen, Angststörungen und Sucht
      Unbehandelte ADHS und Autismus ziehen oft Komorbiditäten nach sich.
    • Beziehungsschwierigkeiten
      Menschen lesen ist anstrengend, Nähe regulieren schwer, Grenzen setzen kompliziert.
    • Berufliche Überforderung oder Underachievement
      Hochbegabt, aber chaotisch. Kreativ, aber schnell überstimuliert.
    • Fehlende Identität
      Nach Jahren des Anpassens wissen viele Frauen nicht mehr, wer sie eigentlich sind.

    Die späte Diagnose bedeutet nicht „zu spät“. Aber sie bedeutet: Der Preis bis dahin war hoch. Mitunter sehr hoch.

    Leben mit der Diagnose – endlich atmen

    Wenn die Diagnose endlich kommt, passiert bei vielen Frauen etwas Erstaunliches: Erleichterung. Kein Versagen. Kein Charakterfehler. Sondern ein Gehirn, das anders tickt.

    Und mit dieser Erkenntnis beginnt etwas Neues:

    1. Selbsterkenntnis statt Selbstkritik

    „Ah. Deshalb war Schule so schwer.“
    „Deshalb brauche ich Pausen.“
    „Deshalb fühle ich so intensiv.“

    Selbstvorwürfe verlieren ihren Halt.

    2. Reizmanagement und Strukturen aufbauen

    Routinen, Pausen, klare Prioritäten, Reizfilter, Time-Blocking – plötzlich funktionieren Dinge, die vorher unmöglich schienen.

    3. Masken absetzen – Schritt für Schritt

    Nicht mehr überall funktionieren müssen. Nicht mehr jedem gefallen. Grenzen spüren. Grenzen setzen.

    4. Beziehungen neu gestalten

    Offene Kommunikation darüber, wie das eigene Gehirn arbeitet, schafft Nähe und Verständnis.

    5. Selbstannahme

    Die Diagnose wird zum Werkzeug, nicht zum Etikett.
    Zum Kompass, nicht zum Käfig.

    Viele Frauen berichten, dass sie sich zum ersten Mal im Leben verstehen. Und dass sich damit ein zarter, neuer Gedanke einschleicht:

    Ich war nie falsch.
    Ich war einfach unentdeckt.


     

    Wenn dich das Thema berührt oder du selbst den Verdacht hast, neurodivergent zu sein, dann schreib mir gern. In meinen Beratungen unterstütze ich Frauen, Eltern und Jugendliche dabei, (ihre eigene) Neurodivergenz besser zu verstehen – liebevoll, humorvoll und alltagsnah. Meine Begleitung: Damit du dich nicht länger anpassen musst, sondern endlich so leben kannst, wie du wirklich bist.

     

    Ein wichtiger Hinweis zum Schluss: Ich begleite dich auf deinem Weg zu mehr Klarheit, Selbstverständnis und innerer Stärke – aber ich diagnostiziere nicht und führe keine therapeutische Behandlung durch. Meine Arbeit ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik, sondern versteht sich als präventive, unterstützende und alltagsnahe Begleitung. Wenn du den Verdacht hast, dass eine psychische Erkrankung vorliegt, wende dich bitte zusätzlich an eine approbierte Fachperson. Gemeinsam – und mit den richtigen Stellen an deiner Seite – darf dein Weg leichter werden.

  • Gruppenchats bei Kindern: Was Eltern, Trainer:innen und Vereine wissen sollten

    In Zeiten von Smartphones, WhatsApp und Co. sind Gruppenchats aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen kaum noch wegzudenken. Ob für die Klasse, die Fußballmannschaft oder die Tanzgruppe – diese Chats versprechen schnelle Kommunikation, Teamkoordination und ein Gefühl der Gemeinschaft. Doch wie bei fast allem im digitalen Raum gibt es auch hier Schattenseiten, die Eltern, Trainer:innen und Vereine kennen sollten.

    Die Vorteile von Gruppenchats

    Zunächst einmal: Gruppenchats können richtig praktisch sein. Sie ermöglichen es, Termine schnell abzusprechen, Änderungen kurzfristig mitzuteilen oder spontane Treffen zu organisieren. Gerade im Schul- oder Vereinsalltag sparen Gruppenchats oft viel Zeit – keine endlosen Telefonketten mehr oder verlorene Zettel mit Terminen.

    Für Kinder und Jugendliche haben sie außerdem einen sozialen Nutzen: In der digitalen Welt entstehen Freundschaften, die über den Schulhof oder die Sporthalle hinausgehen. Gruppenchats bieten einen Raum, um sich auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen oder kleine Erfolgserlebnisse zu teilen. Ein Kind, das im Fußballtraining ein Tor geschossen hat, kann gleich Lob von der ganzen Mannschaft bekommen. In Klassenchats können Kinder Hausaufgabenfragen stellen oder sich auf gemeinsame Projekte vorbereiten.

    Und nicht zu vergessen: Gruppenchats können auch inklusive Räume schaffen. Kinder, die eher zurückhaltend sind, finden hier manchmal leichter Zugang zur Gruppe, da sie schriftlich kommunizieren können und nicht direkt im „Präsenz-Sturm“ agieren müssen.

    Risiken und Gefahren von Gruppenchats

    So praktisch sie sind – Gruppenchats bergen auch Risiken, die Eltern, Lehrer:innen und Trainer:innen nicht ignorieren sollten.

    1. Mobbing und Ausgrenzung

    In Gruppenchats kann Mobbing subtiler und gleichzeitig anhaltender sein. Ein spöttischer Kommentar, der schnell gepostet wird, erreicht sofort die ganze Gruppe und bleibt oft gespeichert. Kinder, die sich ausgeschlossen fühlen, erleben die Wirkung solcher Nachrichten intensiv. Auch das „stille Mitlesen“ – also Kinder, die Nachrichten nur verfolgen, aber nicht antworten – kann Gefühle von Isolation verstärken.

    2. Überforderung und Stress

    Gruppenchats erzeugen sozialen Druck. Kinder fühlen sich oft verpflichtet, sofort zu reagieren oder ständig „up to date“ zu sein. Die permanente Verfügbarkeit kann zu Stress, Schlafstörungen und einem Gefühl der Überforderung führen.

    3. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte

    Viele Kinder posten Fotos, Videos oder Standorte, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Ein einmal geteiltes Bild kann sich schnell vervielfältigen oder in die falschen Hände geraten. Eltern und Vereine müssen darauf achten, dass die Privatsphäre der Kinder respektiert wird und keine sensiblen Daten unkontrolliert geteilt werden.

    4. Risiko von sexualisierter Gewalt

    Leider sind Kinder online auch Risiken ausgesetzt, die über bloßes Mobbing hinausgehen. Unbekannte Dritte oder sogar Gleichaltrige können durch Gruppenchats Zugang zu Kindern finden. Trainer:innen, Eltern und Vereine müssen hier besonders wachsam sein, klare Regeln aufstellen und Präventionsmaßnahmen implementieren.

    Spezielle Risiken in Sportvereinen

    Gruppenchats in Sportvereinen haben eigene Herausforderungen. Hier treffen Kinder und Jugendliche auf Erwachsene – Trainer:innen, Betreuer:innen oder Übungsleiter:innen. Die Hierarchien sind klar, und die Nähe kann sowohl Chancen als auch Risiken bergen.

    1. Verantwortung der Trainer:innen

    Trainer:innen stehen in der Pflicht, die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten. Dazu gehört, dass sie sich bewusst sind, welche Inhalte in Gruppenchats geteilt werden dürfen. Sensible Themen wie Gesundheitsdaten, Familieninformationen oder persönliche Fotos sollten nicht ungefiltert ausgetauscht werden. Auch der korrekte Umgang mit den Telefonnummern und Profilbildern muss allen Gruppenmitgliedern klar sein.

    2. Prävention sexualisierter Gewalt

    Gruppenchats können ein Einfallstor für Grenzverletzungen sein. Trainer:innen müssen darauf achten, professionelle Distanz zu wahren und klare Regeln für die Kommunikation festzulegen. Vereinsinterne Richtlinien, Aufklärung der Kinder über ihre Rechte und die Einführung von „zweiten Ansprechpartner:innen“ im Verein sind wichtige Präventionsmaßnahmen.

    3. Datenschutz

    Viele Sportvereine nutzen WhatsApp-Gruppen, ohne die datenschutzrechtlichen Aspekte zu bedenken. Namen, Telefonnummern oder Fotos von Kindern werden häufig ohne Einverständnis geteilt. Vereine sollten Alternativen prüfen, bei denen die Daten der Kinder geschützt sind, z. B. Messenger mit verschlüsseltem, datenschutzkonformen Rahmen oder vereinsinterne Kommunikationsplattformen. Auch muss sichergestellt werden, dass Gruppenmitglieder sich an die rechtlichen Vorgaben halten.

    4. Konflikte und Transparenz

    Gruppenchats können Konflikte schnell eskalieren lassen, besonders wenn Nachrichten missverstanden werden. Trainer:innen sollten bewusst moderierend eingreifen, klare Regeln für den Umgang miteinander aufstellen und den Kindern Sicherheit geben.

    Praktische Tipps für Eltern und Trainer:innen

    Um die Vorteile von Gruppenchats zu nutzen und die Risiken zu minimieren, können folgende Maßnahmen helfen:

    • Regeln aufstellen: Klare Absprachen darüber, welche Inhalte geteilt werden 
    • dürfen, wann geantwortet werden sollte und wie respektvoll miteinander umgegangen wird.
    • Eltern informieren: Gerade bei jüngeren Kindern sollten Eltern wissen, welche Chats existieren und welche Inhalte geteilt werden.
    • Alternativen prüfen: Für Vereine bieten sich datenschutzkonforme Plattformen an, auf denen Kinder und Trainer:innen sicher kommunizieren können.
    • Aufklärung und Sensibilisierung: Kinder sollten lernen, wie sie sich online schützen, Grenzüberschreitungen erkennen und im Notfall melden können.
    • Grenzen der Trainer:innen wahren: Erwachsene sollten private Kontakte auf Social Media möglichst vermeiden und offizielle Kommunikationswege nutzen.
    • Regelmäßige Reflexion: Gruppenchats regelmäßig evaluieren – funktioniert die Kommunikation? Gibt es Probleme? Wie kann man sie lösen?

    Fazit

    Gruppenchats sind ein zweischneidiges Schwert: Sie bieten enorme Vorteile für Kommunikation, Teamgeist und soziale Teilhabe, bergen aber auch erhebliche Risiken – von Mobbing über Datenschutzprobleme bis hin zu potenziellen Gefahren für die Kinder im Kontext sexualisierter Gewalt. Besonders in Sportvereinen, in denen Erwachsene und Kinder in enger Beziehung stehen, müssen klare Regeln, Präventionsmaßnahmen und Sensibilisierung stattfinden.

    Eltern, Trainer:innen und Vereine sollten die Chancen nutzen, aber nie die Risiken aus den Augen verlieren. Nur so können Gruppenchats zu einem sicheren, praktischen und positiven Werkzeug für Kinder und Jugendliche werden.

     

     

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    Wenn du Unterstützung oder Begleitung bei der Vermittlung/Festigung der Medienkompetenz deines Kindes benötigst, bin ich dir gern behilflich.

  • Bossing – warum passiert es und was du tun kannst

    Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz ist weit mehr als ein Schlagwort für moderne HR-Abteilungen oder ein „Wohlfühlprogramm“ für Mitarbeitende. Sie beschreibt den Zustand des psychischen Wohlbefindens in einem beruflichen Umfeld – und ist damit ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Unternehmensführung. Denn wer täglich Leistung bringen soll, braucht nicht nur funktionierende Technik und klare Aufgaben, sondern auch emotionale Sicherheit, Wertschätzung und die Möglichkeit, sich als Mensch ganz zu zeigen – mit Stärken, Schwächen, Belastungen und Ressourcen.

    Klar ist: Ein Unternehmen, das auf mentale Gesundheit achtet, nimmt die psychische Belastung seiner Mitarbeitenden ernst. Es schafft Räume für Dialog, bietet Unterstützung bei Krisen an, fördert Resilienz und reduziert systematische Stressoren – etwa durch realistische Zielsetzungen, gerechte Aufgabenverteilung oder die Möglichkeit zu Pausen. Dazu zählen auch Angebote wie Coaching, psychologische Beratung, Supervision oder ein flexibler Umgang mit Arbeitszeitmodellen. Doch das alles funktioniert nicht im luftleeren Raum. Mentale Gesundheit ist kein Einzelprojekt – sie ist eine Haltung, die sich durch alle Ebenen einer Organisation ziehen muss.

    Studie gefällig?
    Laut einer Erhebung der Techniker Krankenkasse (2023) berichten fast 50 % aller Beschäftigten in Deutschland von häufigem Stress im Job. Jeder fünfte gibt an, dass sich dieser negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt.

    Was mentale Gesundheit konkret beinhaltet – und was nicht

    Mentale Gesundheit im beruflichen Kontext umfasst mehrere Ebenen: das individuelle psychische Befinden, die Teamdynamik, die strukturellen Arbeitsbedingungen sowie die Werte, nach denen im Unternehmen tatsächlich gelebt wird. Ein gesundes Arbeitsumfeld erkennt diese Vielschichtigkeit an und reduziert psychische Risiken. Dazu gehören etwa monotone Tätigkeiten, fehlende Handlungsspielräume, mangelnde Anerkennung, ständige Unterbrechungen, toxische Kollegialität oder unrealistische Anforderungen.

    Kurz gesagt: Ein Obstkorb oder ein Tischkicker machen noch keine gesunde Unternehmenskultur. Es reicht nicht, Wellness-Angebote zu präsentieren, während gleichzeitig Überstunden als stillschweigend erwartet gelten und Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. Mentale Gesundheit ist kein Feel-Good-Gadget – sie ist das Resultat eines respektvollen, transparenten und entwicklungsförderlichen Miteinanders.

    Zitat zum Nachdenken:
    „Man kann Menschen nicht motivieren, wenn man sie gleichzeitig ausbrennt.“
    – Gerald Hüther | Neurobiologe

    Dazu gehören psychologische Sicherheit, also die Möglichkeit, sich auch mit Unsicherheiten zu zeigen, ohne negative Konsequenzen zu befürchten. Es braucht einen wertschätzenden Umgang, transparente Kommunikation, klare Rollen – und vor allem: echte Achtsamkeit im Miteinander.

    Der Führungsstil als Schlüssel zur psychischen Gesundheit

    Ob mentale Gesundheit gefördert oder untergraben wird, hängt maßgeblich vom Führungsstil ab. Führungskräfte sind Multiplikatoren – sie prägen nicht nur Prozesse, sondern auch die Art, wie im Unternehmen mit Belastung, Fehlern, Emotionen und Konflikten umgegangen wird. Ein autoritärer Führungsstil, der auf Kontrolle, Schuldzuweisung und Druck basiert, schafft nicht etwa bessere Leistungen – sondern innere Anspannung, Demotivation und langfristig psychische Instabilität.

    Ein kooperativer, achtsamer Führungsstil wirkt hingegen stabilisierend. Er zeichnet sich durch Offenheit, echtes Zuhören, klare Kommunikation, Feedbackkultur und emotionale Intelligenz aus. Gute Führung erkennt emotionale Belastungen frühzeitig, spricht sie wertschätzend an und sorgt dafür, dass Menschen gesund arbeiten können – nicht „trotz“ Stress, sondern inmitten komplexer Anforderungen. Sie schafft einen Rahmen, in dem Menschen nicht funktionieren müssen, sondern sich entfalten können.

    Zitat für Führungskräfte:
    „Leadership is not about being in charge. It’s about taking care of those in your charge.“
    (Frei übersetzt: Bei Führung geht es nicht darum, für alles verantwortlich zu sein, sondern darum, sich um die Verantwortlichen zu kümmern.)
    – Simon Sinek | US-amerikanischer Hochschullehrer, Autor, Journalist und Unternehmensberater

    Mentale Gesundheit beginnt also bei der Frage: Sehe ich meine Mitarbeitenden als funktionierende Rädchen im System – oder als ganze Menschen? Und bin ich bereit, mein eigenes Verhalten zu reflektieren?

    Wenn mentale Gesundheit ignoriert wird – die Folgen

    Das systematische Übergehen psychischer Gesundheit hat drastische Folgen – sowohl individuell als auch wirtschaftlich. Laut dem Gesundheitsreport 2024 der DAK sind psychische Erkrankungen mittlerweile die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Burnout, Depression und Angststörungen führen im Schnitt zu über 40 Fehltagen pro Jahr pro Fall – mit massiven Auswirkungen auf Produktivität und Betriebsklima.

    Doch schlimmer als die ökonomischen Folgen ist das menschliche Leid: chronische Erschöpfung, innere Leere, Sinnkrisen, Rückzug, familiäre Probleme – und im schlimmsten Fall der vollständige Zusammenbruch. Und: Je länger mentale Gesundheit ignoriert wird, desto länger dauert die Genesung.

    Trotzdem schweigen viele Betroffene – aus Angst vor Stigmatisierung oder Nachteilen im Job. Genau hier braucht es Unternehmen und Führungskräfte, die die Tür aufmachen. Die sagen: Du darfst hier ganz sein. Du bist nicht „schwach“, wenn du Hilfe brauchst – du bist mutig.

    Fazit – und ein Aufruf zum Umdenken

    Mentale Gesundheit ist keine Privatsache. Sie ist eine kollektive Aufgabe. Unternehmen, die sie ernst nehmen, gewinnen auf allen Ebenen: engagiertere Mitarbeitende, niedrigere Krankheitsstände, bessere Zusammenarbeit – und nicht zuletzt: Sinn.

    -> Du möchtest mentale Gesundheit in deinem Team stärken, deine Führung achtsamer gestalten oder herausfinden, was in deiner Organisation wirklich wirkt?
    Ich begleite dich gern dabei – in Workshops, Beratungen oder Einzelsettings. Mit Klarheit, Humor und fundiertem psychologischem Know-how. Für Arbeitsbeziehungen, die gut tun – und Menschen, die bleiben.

  • Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz – mehr als ein „nice to have“

    In einer Welt voller ständiger Kommunikation – ob in Besprechungen, beim Kaffeeklatsch oder in den sozialen Medien – sind wir alle von Natur aus interpretiert.

    Und manchmal interpretieren wir die Dinge einfach zu viel.

    Wir hören etwas und zack, sofort schießen wir mit einer ganzen Armada von Gedanken, Annahmen und Schlussfolgerungen aus der Hüfte.

    Dabei, so schön die Vorstellung eines supergeübten, allwissenden Interpretierenden auch ist, hat es eine ganz einfache Schwachstelle: Wir interpretieren oft mehr, als tatsächlich gesagt wurde.

    Und das führt zu Missverständnissen, Fehlannahmen und manchmal zu peinlichen Momenten, bei denen wir uns fragen, warum wir es nicht einfach gelassen haben.

    Das Interpretationschaos: Warum wir so gerne in die Falle tappen

    Nun, warum tun wir uns das überhaupt an?

    Die Antwort liegt in einem wunderbar menschlichen Mechanismus: Unser Gehirn liebt es, Informationen schnell zu verarbeiten und Zusammenhänge zu erstellen.

    Wir sind von Natur aus darauf programmiert, die Welt zu verstehen und Muster zu erkennen.

    Aber anstatt die Dinge einfach zu hören und hinzunehmen, werfen wir oft noch eine extra Schicht Interpretation drauf.

    Das kann aus unterschiedlichen Gründen passieren: Wir fühlen uns verletzt, sind unsicher oder sogar einfach neugierig, was der andere wirklich meint. Vielleicht haben wir eine dunkle Vergangenheit mit ähnlichen Aussagen oder misstrauen generell den guten Absichten unseres Gegenübers.

    So oder so, wir neigen dazu, zwischen den Zeilen mehr zu lesen, als wirklich dasteht.

    Ein einfaches Beispiel:

    Nehmen wir an, dein Kollege sagt zu dir: „Oh, das hast du ja wirklich gut gemacht… für jemanden, der das noch nie zuvor gemacht hat.“
    Du hörst das und bam – dein Gehirn springt sofort an. „Was meint der mit ‚für jemanden, der das noch nie zuvor gemacht hat‘? Bedeutet das, dass er denkt, ich bin unfähig, oder ist das ein verstecktes Kompliment?“
    Diese Frage quält dich vielleicht länger, als du zugeben würdest, weil du die Worte deines Kollegen interpretiert hast.

    Vielleicht wollte er einfach nur sagen, dass du etwas Neues gemeistert hast – aber du hast es in einen imaginären Konflikt verpackt.

    Was können wir also tun?

    Die Antwort liegt auf der Hand: Hören und nicht sofort interpretieren.

    Klingt simpel, oder?

    Aber der Weg zu dieser Art von Kommunikation ist oft steinig.

    Hier sind ein paar Tipps, wie wir das Interpretieren ein bisschen zurückfahren können:

    Achtsames Zuhören

    Statt sofort mit einer Antwort oder Interpretation zu reagieren, solltest du einfach mal zuhören und die Worte sacken lassen.

    Oft ist es hilfreich, nach einer Aussage zu fragen: „Meintest du das so, wie ich es verstanden habe?“

    Auf diese Weise kannst du Missverständnissen vorbeugen, bevor sie zu einem ausgewachsenen Drama ausarten.

    Neutral bleiben

    Wenn du das Gefühl hast, dass eine Aussage eine versteckte Bedeutung hat, versuche, neutral zu bleiben.

    Das bedeutet nicht, dass du alles glauben musst, was gesagt wird, aber es hilft, den emotionalen Anteil in den Hintergrund zu stellen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

    Es gibt keine versteckte Agenda, solange du keine entdeckst!

    Die Macht des „Könnte es sein, dass…?“

    Der berühmte Fragesatz.

    Wenn du wirklich neugierig bist, was der andere meint, statt deine eigene Geschichte zu erzählen, frag einfach.

    Zum Beispiel: „Könnte es sein, dass du eigentlich meinst, ich habe das gut gemacht?“

    Auf diese Weise öffnest du den Dialog, ohne direkt anzukommen wie ein Detektiv auf der Jagd nach versteckten Bedeutungen.

    Den Kontext berücksichtigen

    Manchmal hilft es, den Kontext der Situation zu betrachten, bevor wir in die Interpretation schlüpfen.

    War der Kommentar aus einem Moment der Müdigkeit entstanden?
    Hatte der Kollege gerade eine stressige Woche?
    Ist der Tonfall, in dem etwas gesagt wurde, wirklich so, wie du es gehört hast?

    Manchmal ist das einfachste, was du tun kannst, zu akzeptieren, dass der andere Mensch nicht immer mit bösen Absichten unterwegs ist.

    Fazit: Weniger ist manchmal mehr – vor allem beim Interpretieren

    Zusammengefasst: Ja, das Leben wäre wirklich viel einfacher, wenn wir weniger in Worte hineininterpretieren würden.

    Wenn wir es schaffen, die Welt mit einem klaren, offenen Ohr zu hören, ohne sofort eine riesige Bedeutung in jeder Silbe zu suchen, können wir Missverständnissen vorbeugen und die Kommunikation deutlich entspannter gestalten.

    Und vielleicht – nur vielleicht – wird der nächste Kommentar über deinen „guten Job“ wirklich einfach nur das sein, was er ist: ein Lob, ohne jeglichen Unterton oder versteckte Agenda. Wer hätte das gedacht?

    Also, das nächste Mal, wenn du dich wieder in einer Interpretation verhedderst, denk daran: Weniger ist mehr.

    Manchmal ist es wirklich am besten, einfach nur zuzuhören – ohne das „aber was meinte er wirklich?“ im Hinterkopf.

     

  • Bewertung anderer Menschen – warum tun wir das?

    Bewertung von Situationen, Dingen und Personen – ein Großteil unseres Alltags machen Bewertungen aus. Wir alle bewerten. Und das ist erst einmal auch gut so.

    Denn eine Bewertung ist mitunter lebenswichtig:

    • Wie schnell fährt das Auto, vor dem wir die Straße überqueren möchten?
    • Sind die Pflanzen, die wir da essen möchten, giftig?
    • Meint es ein Mensch gut mit uns oder möchte er uns etwas anhaben?

    Derartige Bewertungen führen zu unseren Entscheidungen. Und das ist gut so.

    Wenn wir aber die Entscheidungen von anderen Menschen – bezüglich ihrer Optik, ihres Kaufs oder ähnlicher individueller, persönlicher Vorgehensweisen – bewerten, ist das nicht lebenswichtig. Weder für uns selbst noch für den anderen.

    Ganz im Gegenteil: Das Gegenüber können wir schnell durch eine solch unbedachte Bewertung kränken oder verletzen.

    Sobald wir in eine Situation kommen, sind wir versucht, diese zu bewerten. Sei es die Frisur unseres Gegenübers, die wir nicht nur als neu erkennen, sondern auch mit einer Bewertung belegen: Sei es das neue Auto oder die neue Wohnung, wozu wir nicht nur Glückwünsche aussprechen, sondern häufig auch gleich noch Anmerkungen loswerden müssen.

    Kaum eine Situation in unserem Leben, die nicht von Außenstehenden bewertet und beurteilt werden.

    Wir alle bewerten, aber niemand mag es, bewertet zu werden.

    Eine Bewertung drückt uns einen Stempel auf, steckt uns in eine Schublade, typisiert uns. Dadurch fühlen wir uns eingeschränkt, ungesehen und unverstanden.

    Die oberste Regel könnte daher sein: Wenn du selbst nicht bewertet werden möchtest, dann bewerte auch selbst nicht.

    Klingt erst einmal einfach, ist es aber meist nicht. Bewertungen sind ein Impuls, und geschehen daher oft unbewusst.

    Diesem Impuls kannst du entgegensteuern, indem du einen Moment innehältst. Versetze dich gedanklich in die Person, die du bewerten möchtest, versuche deren Gefühle, Reaktionen und Interaktionen nachzuvollziehen.

    Warum bewerten Menschen andere Menschen und Situationen?

    Es gibt mehrere typische Gründe für das Bewerten anderer Menschen.

    Bewertung aufgrund eines geringen Selbstbewusstseins

    Ein Grund für das Bewerten anderer Menschen ist ein geringes Selbstbewusstsein des Bewertenden.

    Wer sich selbst nicht (bedingungslos) akzeptiert, ist auch nicht in der Lage, andere in ihrem Sein und mit ihren Entscheidungen zu akzeptieren. Menschen mit einem geringen Selbstbewusstsein werden jede Chance nutzen, um andere Menschen zu be- oder verurteilen.

    Wer häufig und heftig bewertet, nutzt dieses Vorgehen meist, um sich selbst in eine kontrollierende Position zu bringen. Dadurch fällt eine Verteidigung leichter.

    Nicht selten fallen die Bewertungen von anderen Menschen so aus, dass sie viel besser auf den Bewertenden zutreffen.

    Wenn also jemand einen anderen als „unsicher“ bezeichnet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Bewertende sich selbst unsicher fühlt.

    Die Bewertung ist der Versuch, die Kontrolle über den anderen zu bekommen und sich selbst als gegenteilig zu präsentieren. Sie projizieren also ihre eigenen Unsicherheiten in den anderen, um sich besser zu fühlen.

    Fehlende Empathie als Ursache für Bewertung

    Ein weiterer Grund für Bewertungen ist fehlende Empathie.

    Menschen, die sich schwer damit tun, sich in andere hineinzuversetzen, tun sich ebenfalls schwer damit, die Bedürfnisse, Fehler und vor allem auch Stärken anderer zu erkennen. Ihnen fällt das Bewerten anderer meist viel leichter als einem anderen Menschen gegenüber Respekt aufzubringen.

    Bewertung statt Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen

    Ein weiterer Grund sind die eigenen Emotionen des Bewertenden.

    Wer verletzt wurde, kann resilient reagieren und aus dieser Verletzung lernen und sich so weiterzuentwickeln.

    Wer hingegen nicht gut mit schmerzhaften Situationen umgehen kann, ist voller Groll und Missgunst und fühlt sich dadurch häufig genötigt, andere zu verurteilen, um nicht selbst verletzt zu werden. Die Bewertung des anderen dient hier dem Schutz vor der eigenen Verbitterung und den eigenen Sorgen.

    Statt einem respektvollen und offenen Umgang miteinander wird sich wie ein Miesmacher verhalten. Das ist schädlich und kann der Beziehung durchaus gefährlich werden.

    Wie am besten auf eine Bewertung reagieren?

    Wenn du dir bewertet vorkommst und sich das nicht gut anfühlt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du deinem Gegenüber das mitteilen möchtest. Häufig kommt es im Zuge einer solchen Unterhaltung zum Streit. Das muss aber nicht sein.

    • Atme stattdessen einmal tief ein.
    • Halte dir vor Augen, dass der Impuls, Situationen und andere Menschen zu beurteilen, menschlich und damit in jedem von uns vorhanden ist.
    • Sei dir nun bewusst, dass diese Bewertung nichts mit dir zu tun hat. Die Meinung des anderen definiert dich nicht, definiere du dich daher nicht selbst über dessen Meinung.
    • Wenn es dir wichtig ist, die Bewertung klarzustellen, tu das. Aber tu es nicht in der Situation, sondern erst später, mit Abstand.

    Bevor du andere beurteilst, überlege dir, ob du dich selbst so akzeptierst wie du bist. Sowohl deine Stärken als auch deine Schwächen.

    Wenn du dich selbst akzeptierst, stärkst du dein Selbstbewusstsein.

    Und mit einem starken Selbstbewusstsein ist es nicht notwendig, andere zu beurteilen.

    Bewertest du andere (noch)? 

  • Mobbing am Arbeitsplatz – ein Erfahrungsbericht

    Vor Kurzem wandte sich ein Leser an mich, der durch den Artikel über Mobbing auf mich aufmerksam wurde. Er möchte seine Geschichte gerne erzählen. Sie ist sehr persönlich, weswegen ich ihn behelfsweise Max nenne.

    Wer ist Max?

    Max ist Mitte Dreißig, lebt mit seiner Frau und einem Kind in einer Eigentumswohnung im Südwesten Deutschlands. Er ist gelernter Bürokaufmann, hat zahlreiche Fort- und Weiterbildungen absolviert und arbeitet nun seit mehreren Jahren im gleichen Unternehmen als Verwaltungsangestellter im sozialen Bereich. Die Pandemie 2020, mit all ihren Facetten, lässt Max seinen Job im Allgemeinen, seinen Arbeitgeber im Speziellen neu überdenken. Schon sein Eingangssatz lässt mich erschaudern. „Mobbing steht vor allem in Sozialunternehmen auf der Tagesordnung.“ Üble Anschuldigung, heftige Aussage denke ich im ersten Moment. Bis mir einfällt, dass ich erst vor Kurzem den aktuellen Gesundheitsreport der Barmer GEK gelesen habe. Darin wird berichtet, dass im sozialen Bereich die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen besonders hoch ist. Ich lasse Max erzählen.

    Max´ Geschichte

    „Während ein Arbeitskollege, dem schon seit Monaten ein Betrug hinsichtlich der Arbeitszeit vorgeworfen wird, mitsamt der sensiblen Daten aller Kunden ins Home Office ausquartiert wird, müssen andere, teilweise alleinerziehende, Kollegen, zusehen, wie sie bei geschlossenen Betreuungseinrichtungen ihrer Kinder Arbeit und Fürsorgepflicht für den Nachwuchs unter einen Hut bringen. Auch zur Risikogruppe gehörende oder in BEM-Maßnahmen (berufliches Eingliederungsmanagement) befindliche Kollegen dürfen aus Gründen des Datenschutzes nicht ins Home Office – so lautet die Aussage der Geschäftsführung. Allgemeine Aufrufe, mögliche Tätigkeitsfelder remote erledigen zu lassen werden ebenso ignoriert wie die Einhaltung vorgegebener Hygienekonzepte. Stattdessen sollen vertraglich geregelte Arbeitszeiten angepasst werden, unabhängig der Gründe für eben genau diese vereinbarte Zeiteinteilung. Unbezahlter Urlaub dürfe genommen werden, wenn man sich an seinem Arbeitsplatz und auf dem Weg dorthin nicht ausreichend geschützt fühlt.“ Max wirkt verzweifelt. „Hinzu kommt, dass Aufgaben mit einer Deadline versehen werden, die aber durch die Absage des remote-Arbeitens nicht eingehalten werden können. Der Mitarbeiter muss sich aber trotz genehmigten Überstundenabbaus oder bestätigter Urlaubstage rechtfertigen.“ Seine Stimme beginnt zu zittern, während Max von mehreren Kollegen berichtet, die das Verhalten seiner Vorgesetzten mindestens sehr fragwürdig finden, des Öfteren fällt auch die Bezeichnung „Mobbing“.

    Angestellte sind Mobbing meist ausgeliefert

    Angestellte sind einem solchen Verhalten oft ausgeliefert. Zu Zeiten von Corona ist ein Wechsel des Arbeitsplatzes nicht einfach, nach eigenen Aussagen hat Max es mehrfach versucht. „Nicht nur die Unsicherheit, die ein Jobwechsel per se mit sich bringt, macht mir zu schaffen. Das ständige Misstrauen und der dauernde Kampf zermürben mich. Ich habe keine Kraft mehr für den Bewerbungsprozess. Hinzu kommt, dass das permanente Heruntermachen mein Selbstbewusstsein ziemlich eingeschränkt hat.“ Inzwischen hat Max Tränen in den Augen. Seine Frau ist sich sicher, dass die Geschäftsführung die aktuelle Situation vollkommen ausnutzt, berichtet Max weiter. „Eine Kündigung seitens des Arbeitgebers ist aus verschiedenen Gründen quasi nicht möglich, deswegen wird versucht, mich und die anderen betreffenden Mitarbeiter dazu zu bringen, von sich aus zu gehen. Das wurde schon mehrfach so gemacht, in den meisten Fällen erfolgreich.„, weiß Max. „Es ist traurig, dass auf diesem Wege seit Jahren gutes Personal vergrault wird„, erinnert sich Max und fügt direkt an, dass der Betriebsrat zwar informiert sei, aber nichts tun könne. Sein Blick ist gen Boden gerichtet, er selbst in sich zusammengefallen.

    Was können Opfer von Mobbing tun?

    Von Mobbing betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weisen meist eine erhöhte Fehlzeit auf, das geht aus zahlreichen Studien hervor. Doch der Nachweis eines Mobbingfalls, in diesem konkreten Beispiel handelt es sich um die Form des so genannten Bossings, bei dem das Mobben vom Chef ausgeübt wird, ist sehr schwierig. Betroffenen wird das Führen eines Mobbing-Tagebuchs empfohlen. Weiterhin sollte vermieden werden, sich mit dem Mobbenden alleine in einem Raum aufzuhalten. Auch ein Gang zum Arzt kann vorübergehend Linderung verschaffen. Während Psychologen beratend zur Seite stehen, kann der Hausarzt mit einer Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit unterstützen. Nur in seltenen Fällen erledigen sich Mobbingfälle von alleine. Bei der Sonderform des Bossings ist es noch schwieriger, da die höher angesetzten Positionen seltener gewechselt werden. Wer keinen Ausweg mehr weiß und, wie im Fall von Max, auch der Betriebsrat nicht helfen kann, hat die Möglichkeit der juristischen Hilfestellung. Diese ist jedoch nur dann erfolgversprechend, wenn das Fehlverhalten belegt werden kann. Und selbst dann ist es nicht möglich, sicherzustellen, dass das Mobben beendet wird. Letztlich bleibt den Mobbingopfern meist nur die Kündigung. Auch Max spielt mit dem Gedanken. Doch er hat eine Familie zu ernähren und seine Frau erwartet ihr zweites Kind. Er sieht sich in der Verantwortung, für seine Familie zu sorgen und seine Befindlichkeiten, wie er es nennt, müssen hintenanstehen.

    Herzlichen Dank an Max

    Ich danke Max für seine Offenheit, er dankt mir für das Zuhören. Das darüber Sprechen habe ihm gut getan, lächelt er mich an. Meine Frage, was er sich für die Zukunft wünschen würde, beantwortet er schnell: „Ich wünsche mir, dass Menschen ihre eigenen Probleme nicht auf andere projizieren und jeder seine Arbeit machen kann. Denn meinen Job mag ich sehr. Nur die Umstände ertrage ich nicht mehr.“

    Erste Hilfe können Betroffene etwa beim Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Angelegenheiten bekommen.

     
  • Wenn Chaos kein Charakterfehler ist

    Die Wohnung gleicht einem Schlachtfeld: Geschirr stapelt sich in der Küche, schmutzige Wäsche liegt verstreut im Bad, im Wohnzimmer türmen sich Papiere, die seit Tagen – vielleicht Wochen – auf „später“ warten.

    Was nach außen wie Faulheit oder Bequemlichkeit wirkt, ist häufig etwas völlig anderes: ein mögliches Warnsignal psychischer Überlastung.

    Ordnung braucht Energie – und genau die fehlt

    Depressionen, Burnout oder chronische Erschöpfungszustände gehen nicht selten mit einem Leben im Chaos einher. Nicht, weil Ordnung egal wäre – sondern weil sie nicht mehr leistbar ist. Betroffene fühlen sich innerlich blockiert, kraftlos oder sinnentleert. Selbst kleinste Aufgaben werden zur unüberwindbaren Hürde.

    Für Menschen, die psychisch stark belastet oder bereits überlastet sind, wird irgendwann alles zu viel. Und genau das sieht man ihnen oft nicht an.

    Funktionieren nach außen, zerbrechen nach innen

    Viele funktionieren nach außen erstaunlich gut. Sie lächeln, machen weiter, reißen sich zusammen. Dieses permanente Überspielen der eigenen Not ist jedoch selbst eine massive Belastung. Denn innerlich gilt häufig der unausgesprochene Glaubenssatz:
    Eigentlich darf es mir gar nicht schlecht gehen.

    „Andere haben es doch schlimmer“

    Andere tragen mehr Verantwortung. Andere haben größere finanzielle Sorgen. Andere erleben härteres Mobbing, haben mehr Kinder, mehr Druck, mehr Probleme. Diese Vergleiche laufen im Kopf der Betroffenen ohnehin schon auf Dauerschleife.

    Werden sie zusätzlich aus dem Umfeld gespiegelt, folgt meist eine Schutzreaktion: Rückzug. Ein aufgesetztes Lächeln. Noch weniger Einblicke. Noch mehr Alleinsein.

    Vorwürfe verschärfen das Problem

    Was Menschen in dieser Situation ganz sicher nicht brauchen, sind Vorwürfe, Belehrungen oder gut gemeinte Ratschläge von oben herab. Sätze mit „immer“, „nie“, „alle“ oder „niemand“ engen weiter ein und verstärken das Gefühl des Versagens.

    Hilfreich ist stattdessen etwas anderes: echtes Verständnis und konkrete Unterstützung.

    Wenn die Kraft nur noch fürs Verbergen reicht

    Je stärker sich Betroffene zurückziehen, desto mehr Energie verbrauchen sie dafür, ihre innere Not zu verbergen. Für scheinbar „nebensächliche“ Dinge wie Aufräumen bleibt dann nichts mehr übrig.

    Oft besteht durchaus der Wunsch, etwas am äußeren Chaos zu verändern. Doch die psychische Belastung kann so überwältigend sein, dass selbst der Körper nicht mehr mitmacht. Wollen reicht dann nicht mehr.

    Wann professionelle Hilfe notwendig wird

    Spätestens an diesem Punkt ist professionelle Hilfe notwendig. Der erste Weg kann zum Hausarzt führen, um körperliche Symptome ernst zu nehmen, zu entlasten und gegebenenfalls Schutzräume zu schaffen. Parallel dazu ist psychotherapeutische Unterstützung entscheidend – denn sie setzt dort an, wo das Chaos seinen Ursprung hat: im Inneren.

    Chaos als stiller Hilferuf

    Chaos ist kein Zeichen von Schwäche.
    Manchmal ist es schlicht ein stiller Hilferuf.

  • Mobbing am Arbeitsplatz

    Viel zu viele Menschen haben während ihres Arbeitslebens mindestens einmal mit Mobbing zu tun. Knapp drei Prozent aller ArbeitnehmerInnen wird mindestens einmal im Arbeitsleben aktiv oder passiv Opfer einer solchen Tat zwischen Kollegen, im Form von Bossing (Mobbing von Chef zu Arbeitnehmer) oder Staffing (Mobbing vom Arbeitnehmer zum Chef). Frauen sind dabei deutlich öfter von Mobbing betroffen als Männer. Unklar ist jedoch, ob das nicht vielmehr in der seitens der Frauen höheren Bereitschaft begründet liegt, über derartige Erfahrungen zu sprechen. Die Auswirkungen sind so vielfältig wie die Vorgehensweisen.

    Was ist Mobbing?

    Das englische Wort to mob bedeutet bedrängen, attackieren, angreifen. In den 1990er Jahren wurde diese Begrifflichkeit schließlich in die Arbeitswelt übernommen. Per Definition liegt Mobbing vor, wenn jemand über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten hinweg mindestens einmal pro Woche diskriminiert, schikaniert, angefeindet oder angegriffen wird. Ziel ist es, bestimmte Personen auszugrenzen und im besten Fall zu entfernen. Ein Part fühlt sich dem anderen überlegen und lässt diesen das spüren. Typisch ist eine konfliktbelastete, feindselige Kommunikation oder vollständige Ignoranz. Während alle anderen freudig begrüßt werden, wird das Mobbingopfer keines Blickes gewürdigt. Auch eine Ungleichbehandlung, etwa bei Urlaubsanträgen, Schichteinteilungen oder in Personalgesprächen ist typisch. Wenn auch nicht hilfreich, so ist es dennoch interessant zu wissen: Mobbing ist selten in einem Problem zwischen Mobber und Mobbingopfer begründet. Vielmehr werden Ängste, Unsicherheiten und (private) Probleme auf das Opfer projiziert.

    Anzeichen von Mobbing

    Typisch für (beginnendes) Mobbing ist die plötzliche Verstummung aller Beteiligten, sobald eine Person den Raum betritt. Auch unsachliche Andeutungen oder die bewusste Streuung von Gerüchten sind erste Anzeichen. Oft wird ein Mobbingopfer nicht gegrüßt, ein von ihm ausgehender Gruß wird nicht erwidert. Aussagen des Opfers werden falsch wiedergegeben und hinter seinem Rücken – oder auch im Beisein – wird negativ gesprochen. Im betrieblichen Rahmen wird die Weitergabe von Informationen eingestellt, die Zusammenarbeit boykottiert. Kleine Fehler und Unachtsamkeiten werden aufgebauscht. Das Mobbingopfer bekommt unwichtige Arbeiten zugeteilt. Mitunter kann der Arbeitsplatz an eine ungemütliche Stelle verschoben werden.

    Folgen von Mobbing

    Die Folgen von Mobbing sind sehr unterschiedlich. Empirisch belegt ist, dass Gesundheitsbeeinträchtigungen eine Folge von Mobbing sind. Es können psychische wie physische Beschwerden auftreten. Schlafstörungen, Angespanntheit und Nervosität etwa sind sehr häufig, auch Angstzustände, Panikattacken und eine stete Unruhe werden oft beklagt. Physisch kommt es oftmals zu Kopfschmerzen, Magenschmerzen bis hin zum Geschwür, Magen-Darm-Beschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erschöpfung bis hin zur Depression sowie weiteren chronischen Krankheitsverläufen.

    Was kann man tun, wenn gemobbt wird?

    Als Opfer eines Mobbers ist man einer zusätzlichen Belastung ausgesetzt. Der erste Schritt ist daher, dafür zu sorgen, dass Opfer und Mobber nicht mehr alleine sind. Oftmals wird ein Mobber davon absehen, auf sein Opfer loszugehen, sobald andere Personen anwesend sind. Dennoch ist es empfehlenswert, den Täter unter vier Augen auf seine Umgangsweise anzusprechen. Konflikte und deren Ursachen müssen besprochen werden. Das Zugehen auf den Mobber zeugt von selbstsicherem Auftreten und macht deutlich, dass sich das Opfer den Schikanen nicht mehr beugen wird. Auch bei den Kollegen ist es ratsam, nach dem Grund für das etwaige Verstummen zu fragen. Opfern wird daher empfohlen, ein Mobbing-Tagebuch zu führen. Wenn Zeugen anwesend sind, ist das von Vorteil, sollte es zu einem Gerichtsverfahren kommen. Doch auch Aufzeichnungen, etwa mit dem Handy, können hilfreich sein, juristisch in letzter Instanz, aber auch schon für Gespräche mit dem Mobber, dem Chef oder dem Betriebsrat bzw. der Mitarbeitervertretung. Außerhalb des geschäftlichen Umfelds können Freunde oder eine Selbsthilfegruppe eine gute Anlaufstelle bieten. Auch Coachings, einzeln oder auch mit dem Mobber zusammen in Form einer Mediation, sind hilfreiche Optionen. Wenn das nicht ausreichend ist, sind Therapeuten und Psychologen geschulte Experten, Opfern wieder zurück in die Normalität zu helfen. Ergänzend sollte ein aktiver Stressabbau stattfinden. Sport, autogenes Training, Yoga oder was auch immer dem Opfer hilft, Stress jeglicher Art zu reduzieren.

    Perspektiven und Alternativen

    Sollte die Situation nicht ausreichend gebessert werden können, ist eine typische Reaktion die Kündigung. Alternativ gibt es die Möglichkeit, juristische Schritte einleiten zu lassen. Das jedoch gestaltet sich oftmals als besonders schwierig. Bislang wird Mobbing noch nicht als Straftat vor dem Gesetz geahndet. Es ist daher immer der Einzelfall zu prüfen. Das wiederum bedeutet, dass das Mobbingopfer verpflichtet ist, die Straftat und insbesondere die Vorsätzlichkeit und Rechtwidrigkeit derer nachzuweisen.