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  • Doom Piles – Die stillen Berge aus „Ich kümmere mich später darum“

    Manchmal beginnt ein Doom Pile mit einem einzigen Blatt Papier.

    ⇒ Eine Rechnung, die später abgeheftet werden soll.
    ⇒ Ein Brief, den man noch beantworten möchte.
    ⇒ Eine Jacke, die eigentlich in den Schrank gehört.
    ⇒ Ein Formular, für das gerade die Zeit fehlt.

    Nichts davon wirkt bedeutsam.

    Bis aus einem einzelnen Gegenstand ein kleiner Stapel wird. Aus dem Stapel eine Ecke. Aus der Ecke ein Möbelstück.
    Und irgendwann entsteht etwas, das viele Menschen kennen, aber selten benennen: Ein Doom Pile.

    Was ist ein Doom Pile?

    Der Begriff stammt aus dem englischsprachigen:

    Didn’t (nicht)
    Organize, (organisiert)
    Only (nur) 
    Moved (bewegt/verschoben)

    und wird besonders häufig im Zusammenhang mit ADHS, Exekutivfunktionen und Organisation verwendet.

    Ein Doom Pile ist aber kein gewöhnlicher Stapel.

    Es handelt sich um eine Ansammlung von Dingen, die keinen festen Platz haben oder deren Bearbeitung eine Entscheidung erfordert. Statt sortiert, abgeheftet, entsorgt oder erledigt zu werden, landen sie zunächst an einem Ort – mit der Absicht, sich später darum zu kümmern.

    Dieses „später“ kann Tage, Wochen oder Monate dauern.

    Der Doom Pile wird dabei zu einer Art Zwischenlager für offene Entscheidungen.

    Doom Pile, Doom Box, Doom Bag und Doom Room – Was ist der Unterschied?

    Der klassische Doom Pile ist ein Stapel. Doch je nach Lebenssituation nimmt das Phänomen unterschiedliche Formen an.

    Die Doom Box

    Die Doom Box ist die kleine Schwester des Doom Piles. Statt lose herumliegender Gegenstände wandern unerledigte Dinge in eine Kiste, Schublade oder Box.

    Auf den ersten Blick wirkt alles ordentlich. Tatsächlich wird die Entscheidung jedoch lediglich vertagt.

    Die Doom Box kann kurzfristig entlasten und Räume nutzbar halten.

    Problematisch wird sie, wenn sich darin über Monate ungeöffnete Briefe, Unterlagen, Erinnerungsstücke, Ladekabel, Gutscheine und andere „Vielleicht-brauche-ich-das-noch“-Gegenstände sammeln.

    Die Box wird dann zum Archiv aufgeschobener Entscheidungen.

    Die Doom Bag

    Manche Menschen besitzen keine Doom Box, sondern eine Doom Bag. Das kann eine Handtasche, ein Rucksack oder eine Stofftasche sein, die zum Sammelbecken des Alltags wird.

    Quittungen, Medikamente, Notizzettel, Kopfhörer, Schlüsselanhänger, Briefe, Ladekabel und halb vergessene To-do-Listen reisen wochenlang mit.

    Die Doom Bag entsteht häufig bei Menschen, die ständig zwischen verschiedenen Rollen, Orten oder Aufgaben wechseln. Sie ist gewissermaßen ein mobiles Gedächtnis – allerdings eines, das irgendwann selbst unübersichtlich wird.

    Der Doom Room

    Im Extremfall beschränkt sich das Phänomen nicht mehr auf eine Ecke oder einen Schreibtisch. Dann entsteht ein Doom Room. Ein Raum, der zunehmend zur Ablage für alles wird, wofür aktuell Zeit, Energie oder Entscheidungskraft fehlen.

    Gästezimmer, Arbeitszimmer oder Keller sind häufig betroffen. Oft wird die Tür geschlossen und der Raum verschwindet aus dem Alltag. Emotional verschwindet er jedoch nicht.

    Viele Betroffene berichten, dass bereits der Gedanke an diesen Raum Stress, Schuldgefühle oder Scham auslöst.

    Je länger die Vermeidung anhält, desto größer erscheint die Hürde, wieder Ordnung zu schaffen.

    Wie entsteht ein Doom Pile?

    Die meisten Menschen glauben, Unordnung entstehe durch Faulheit.

    In der Praxis ist das erstaunlich selten der Fall. Viel häufiger entsteht ein Doom Pile durch Überforderung.

    Jeder einzelne Gegenstand fordert eine kleine Entscheidung:

    • Aufheben oder wegwerfen?
    • Antworten oder ignorieren?
    • Jetzt erledigen oder später?
    • Wo gehört das eigentlich hin?
    • Brauche ich das noch?

    Jede dieser Entscheidungen kostet mentale Energie.

    Wenn diese Energie fehlt, verschiebt das Gehirn die Entscheidung auf später. Der Gegenstand verschwindet jedoch nicht.

    Er bleibt sichtbar – und wartet.

    Die unsichtbare Ursache: Mental Load

    Doom Piles entstehen selten durch die Anzahl der Gegenstände allein. Häufig steckt dahinter Mental Load – die unsichtbare Denkarbeit des Alltags.

    ⇒ Termine koordinieren.
    ⇒ An Geburtstage denken.
    ⇒ Formulare ausfüllen.
    ⇒ Einkäufe planen.
    ⇒ Konflikte lösen.
    ⇒ Verantwortung tragen.
    ⇒ Entscheidungen treffen.

    Wenn das Gehirn dauerhaft ausgelastet ist, werden zusätzliche Entscheidungen immer schwieriger.

    Der Stapel auf dem Schreibtisch ist dann oft nur die sichtbare Spitze eines deutlich größeren Berges aus Verpflichtungen, Gedanken und offenen Schleifen.

    Manchmal ist der Papierstapel nicht das Problem. Manchmal ist er lediglich das Symptom.

    Warum betrifft das besonders häufig Menschen mit ADHS?

    Menschen mit ADHS kämpfen häufig nicht mit Wissen, Motivation oder Intelligenz. Sie kämpfen mit dem Management von Aufgaben.

    Fachleute sprechen von exekutiven Funktionen. Dazu gehören unter anderem:

    • Priorisieren
    • Planen
    • Organisieren
    • Entscheiden
    • Beginnen von Aufgaben
    • Abschließen von Aufgaben

    Ein Doom Pile entsteht oft genau an der Schnittstelle dieser Prozesse:

    Die Aufgabe ist nicht groß genug, um sofort Aufmerksamkeit zu erhalten.
    Gleichzeitig ist sie nicht klein genug, um automatisch erledigt zu werden.

    Also landet sie in einer mentalen Warteschleife.

    Warum klassische Ordnungssysteme oft scheitern

    Viele Organisationsratgeber gehen stillschweigend davon aus, dass alle Menschen ähnlich funktionieren. Die Realität sieht jedoch anders aus.

    Was für die eine Person logisch erscheint – geschlossene Schränke, komplizierte Ablagesysteme oder zehn verschiedene Kategorien – kann für eine andere Person ein sicherer Weg sein, Dinge nie wiederzufinden.

    Insbesondere neurodivergente Menschen profitieren häufig von sichtbaren, einfachen und möglichst reibungsarmen Strukturen.

    • Offene Regale statt geschlossener Schränke.
    • Drei Kategorien statt zwölf.
    • Ein klar definierter Sammelplatz statt Perfektion.

    Das Ziel ist nicht, wie andere zu organisieren. Das Ziel ist, ein System zu entwickeln, das zum eigenen Gehirn passt.

    Der psychologische Teufelskreis

    Der Doom Pile ist selten nur ein organisatorisches Problem. Mit der Zeit entwickelt er eine emotionale Komponente.

    Der Stapel erinnert an:

    • Unerledigtes
    • Versäumnisse
    • Schuldgefühle
    • Scham
    • Überforderung

    Je größer der Haufen wird, desto unangenehmer fühlt sich der Gedanke an, ihn anzugehen.
    Und je unangenehmer er sich anfühlt, desto eher wird er vermieden.

    So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.

    Nicht die Menge der Dinge wird zum Problem. Die Bedeutung, die wir ihnen geben, wird zum Problem.

    Gibt es Vorteile?

    Tatsächlich: manchmal ja.

    Doom Piles entstehen häufig als improvisierte Bewältigungsstrategie: Das Gehirn lagert Entscheidungen aus, um in einem überfordernden Moment handlungsfähig zu bleiben.

    Kurzfristig kann das hilfreich sein. Statt an zehn offenen Entscheidungen zu scheitern, wird die Belastung zunächst vertagt.

    Problematisch wird es, wenn aus der kurzfristigen Entlastung ein Dauerzustand wird.

    Was hilft gegen Doom Piles?

    1. Nicht sortieren – zuerst reduzieren

    Viele Menschen beginnen mit Perfektionismus.

    ⇒ Ordner.
    ⇒ Kategorien.
    ⇒ Farbsysteme.

    Dabei wäre der erste Schritt oft viel einfacher: Was kann sofort weg?

    Jedes entsorgte Objekt ist eine Entscheidung weniger.

    2. Entscheidungen vereinfachen

    Anstatt zwanzig Kategorien zu bilden, helfen oft nur drei:

    1. Behalten
    2. Erledigen
    3. Weg

    Je weniger Optionen vorhanden sind, desto leichter fällt die Entscheidung.

    3. Die Fünf-Minuten-Regel

    Nicht den ganzen Stapel bearbeiten. Nur fünf Minuten.

    Das Ziel lautet nicht „fertig werden“. Das Ziel lautet „anfangen“.

    4. Scham aus dem Prozess entfernen

    Doom Piles sind kein Charakterfehler. Sie sind häufig ein Hinweis darauf, dass das bisherige Organisationssystem nicht zu den eigenen Bedürfnissen passt.

    Wer sich ständig dafür verurteilt, verbraucht Energie, die eigentlich für die Lösung gebraucht würde.

    5. Sichtbare Sammelorte schaffen

    Menschen unterscheiden sich.

    ⇒ Manche benötigen geschlossene Schränke.
    ⇒ Andere brauchen Sichtbarkeit.

    Wer Dinge vergisst, sobald sie außer Sichtweite sind, profitiert oft von offenen, klar definierten Sammelbereichen statt von perfekter Unsichtbarkeit.

    6. Nicht auf Motivation warten

    Viele Menschen glauben, sie müssten sich erst motiviert fühlen, bevor sie beginnen können.

    In Wirklichkeit entsteht Motivation häufig erst während des Handelns.

    Ein bearbeitetes Dokument, ein leerer Karton oder eine sortierte Schublade erzeugen oft mehr Energie als stundenlanges Nachdenken darüber.

    Vielleicht bist du nicht unordentlich

    Viele Menschen verbringen Jahre mit dem Gedanken, sie seien chaotisch, faul oder schlecht organisiert.

    Manchmal stimmt das nicht.

    Manchmal versucht das Gehirn lediglich, mit mehr Informationen, Aufgaben und Entscheidungen umzugehen, als ihm gerade möglich sind.

    Ein Doom Pile ist deshalb oft weniger ein Zeichen von Unordnung als ein sichtbarer Hinweis auf unsichtbare Belastung.

    Vielleicht erzählt der Stapel nicht die Geschichte mangelnder Disziplin.
    Vielleicht erzählt er die Geschichte von zu vielen offenen Schleifen, zu wenig Energie und einem Gehirn, das versucht, Prioritäten zu setzen.

    Die gute Nachricht: Was sich Stapel für Stapel aufgebaut hat, muss nicht an einem Tag verschwinden.

    Ein Blatt Papier hat den Haufen begonnen.

    ⇒ Ein Blatt Papier kann auch der Anfang sein, ihn wieder kleiner werden zu lassen.

  • Mental load von Eltern als Auslöser für (psychische) Erkrankungen

    Wir alle tragen Verantwortung: für uns, für unser Tun, für unser Leben. Manche übernehmen im Job oder in der Freizeit weitere Verantwortung, etwa als Führungskraft oder im Ehrenamt. Doch auch Eltern tragen eine Menge zusätzliche Verantwortung.  

    Eltern sein bedeutet Verantwortung übernehmen

      Eltern sein bedeutet nicht nur, seinen Kindern ein Dach über dem Kopf zu bieten und etwas zu Essen auf den Tisch zu stellen. Eltern sein bedeutet auch, für die psychische und physische Unversehrtheit der Kinder zu sorgen.   Dazu gehört neben dem Ermöglichen und der Pflege von Freundschaften der regelmäßige Besuch von sozialen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen. Auch die Planung von Sporteinheiten und eine gesunde Stundenanzahl von Schlaf ist Aufgabe der Eltern. Die Elternschaft bedeutet vor allem viel Organisation und Planung.  

    Aufgaben nicht nur bei einem Elternteil belassen

      Im besten Fall teilen sich die Eltern die anfallenden Aufgaben auf. Der eine bringt die Kinder in die Betreuung, der andere holt ab. Der eine steht als Fahrdienst, der andere als Hausaufgabenbetreuung.   Die Aufteilung kann so individuell gestaltet werden, dass sie an das Leben jeder Familie angepasst werden kann.   Sobald sich jedoch ein Elternteil aus dieser Verantwortung zieht, herrscht ein Ungleichgewicht. Nicht nur im zeitlichen Aspekt, sondern auch und vor allem in der psychischen Hinsicht.  

    Gründe für fehlende Übernahme von Verantwortung spielen keine Rolle

      Dieses aus der Verantwortung ziehen kann unterschiedlich begründet sein. Es reicht von einer Trennung der Eltern mit gleichzeitiger Ablehnung der Kinder bis hin zum Tod eines Elternteils.   Obwohl es bei jedem Szenario noch weitere Dinge zu beachten gilt, etwa das Verarbeiten eines etwaigen Betrugs, das Akzeptieren einer neuen Partnerschaft an der Seite des anderen Elternteils oder den (plötzlichen) Tod des Partners, ist das Resultat immer das gleiche: All die mentale und physische Verantwortung bleibt bei einem Elternteil.  

    Bis zum Anschlag und noch ein Schritt weiter

      Dieser verbleibende Elternteil ist nicht selten irgendwann überfordert. Nicht, weil die körperliche Präsenz überhand nimmt; in diesem Bereich kann das Umfeld der kleinen Familie sehr hilfreich sein. Es können Fahrdienste übernommen werden, die Hausaufgabenbetreuung kann gemeinsam mit anderen Familien aufgeteilt werden und Familien unterstützen sich gegenseitig mit Babysitter-Diensten, um abends Zeit für sich zu haben.   Bei der mentalen Belastung hingegen kann auf niemanden zurückgegriffen werden.  

    Mentale Belastung

      Dieser mental load, wie es neudeutsch heißt, obliegt bei Ein-Eltern-Familien einem einzigen Menschen. Unabhängig von allen weiteren Umständen muss dieser das Leben für sich selbst und dazu noch das des Kindes oder der Kinder managen.   Das allein ist schon schwierig genug: Betreuungszeiten mit den Arbeitszeiten in Einklang bringen, Trainingszeiten koordinieren, Urlaube an die Schließzeiten anpassen machen da den leichteren Part aus. Überlegungen zu Impfungen und sonstigen ärztlichen Behandlungen, Entscheidungen zur Schul- und Berufsausbildung, Regeln für das Zusammenleben und vieles mehr jedoch ist nicht ganz so einfach zu stemmen. Es ist niemand da, der einen anderen Blickwinkel aufzeigt oder eine Entscheidung abnimmt.   Der Kopf dieser Menschen arbeitet rund um die Uhr. Viele kleine Dinge müssen überlegt, bedacht und entschieden werden. Das kann schnell zu einer Überlastung führen.  

    Druck von außen ist meist gut gemeint, aber kontraproduktiv

      Insbesondere dann, wenn das Umfeld diesen Druck noch erhöht. Nicht selten bekommen betreuende Elternteile zu hören, wie andere Eltern versuchen sich gegenseitig zu überbieten – mein Kind geht aufs Gymnasium, mein Kind lernt chinesisch als vierte Fremdsprache, mein Kind übt seinen Sport auf Bundesliga-Ebene aus und weitere Aussagen.   Ebenso häufig und kein weniger belastend ist die Information älterer Generationen, sogar aus der eigenen Ursprungsfamilie, dass sie selbst es noch viel schwerer gehabt hätten.   Zusätzlich zu all der Verantwortung, zu den Ängsten, Sorgen und Nöten kommen nun also noch Aussagen, dass man sich nicht beschweren solle und Forderungen, dass man sich um alles in Perfektion zu kümmern habe.  

    Mental load als Auslöser für psychische Erkrankungen

      Die Folge ist logisch: Vollständige Überforderung bis hin zum Burnout. Oder schlimmeres. Schon 2017 veröffentlich das RKI eine Studie, aus der hervorgeht, dass alleinerziehende ein erhöhtes Risiko zu diagnostizierten Depressionen und weiteren psychisch bedingten Erkrankungen haben.   Dennoch geht das gegenseitige Übertrumpfen munter weiter. Anstatt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten sich Eltern unterstützen. Großeltern sollten ihren Kindern nicht erzählen, dass sie es auch bei all den damaligen Bedingungen dennoch geschafft haben und diesen Erfolg nun von ihren Kindern fordern. Stattdessen sollten Großeltern, sofern sie denn in der Lage dazu sind, ihren Kindern mit deren Kindern unter die Arme greifen und die Situation akzeptieren, so wie sie ist. Gut gemeint ist in diesem Bereich oftmals nicht automatisch gut gemacht.  

    Eltern bleiben Eltern

      Auch nach einer Trennung ist es möglich, die mentale Belastung aufzuteilen, so dass beide Elternteile in der Umgangszeit des jeweils anderen wirklich abschalten und erholen können.   Allerdings ist es dazu zwingend erforderlich, dass sich beide Elternteile verantwortungsvoll um ihren Nachwuchs kümmern.